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Militärseelsorge in der Literatur: „Unruhige Nacht“

Unruhige Nacht Unruhige Nacht

Der evangelische Theologe und Schriftsteller Albrecht Goes hat mit „Unruhige Nacht“ (1950) eine Novelle geschrieben, in der ein Militärseelsorger als Hauptfigur und Icherzähler auftritt. Die Erzählung spielt im Oktober 1942 während des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine.
Der Icherzähler, evangelischer Militärpfarrer in der Wehrmacht, wird von Winniza nach Proskurow beordert, um mit einem jungen Deserteur vor seiner Hinrichtung zu sprechen.

Während er sich in der Nacht mit den Akten zum Fall vertraut macht, kommt es in seinem Zimmer zu einem heimlichen, vermutlich letzten Zusammentreffen eines jungen Offiziers mit dessen Verlobter vor seinem Weiterflug nach Stalingrad. Am nächsten Morgen unterrichtet der Pfarrer den zum Tode Verurteilten in seiner Zelle von der Ablehnung des Gnadengesuchs und seiner unmittelbar bevorstehenden Hinrichtung. Er feiert mit ihm Gottesdienst, unterhält sich sehr einfühlsam mit ihm und nimmt einen Brief an seine Verlobte und seine Mutter entgegen.

Ein Höhepunkt des Romans ist ein längeres Gespräch mit dem von Skrupeln geplagten Chef des Exekutionskommandos. Es stellt sich heraus, dass er ebenfalls Theologe ist. (35) Gerade weil er um das Unrecht wisse, das sie tun, sei seine (und des Icherzählers) Schuld noch größer als die der anderen, die keine oder geringe Schuldgefühle plagen (37). Der Icherzähler setzt dem entgegen, dass sie alle schuldig seien, weil sie leben. Auch in den konkreten Schuldzusammenhang in diesem Krieg seien sie eingelassen, genauso wie es auch der Verurteilte ist. Er plädiert aber dafür, auszuharren, damit sie nach dem Krieg den Menschen erzählen können, wie schrecklich dieser Krieg wirklich war, und jeder falschen Mythenbildung entgegenwirken. (39)
Der Icherzähler konzentriert sich vor allem darauf, Menschlichkeit, wie er sie versteht, hochzuhalten und bei jeder Begegnung nach Residuen dieser Menschlichkeit Ausschau zu halten: „Jetzt aber sah er [ein Schreiber] auf, und für den Moment dieses Aufschauens war die trübselige Hausung, der stinkige Raum ein Ort, wo man leben konnte: so ernst, so nobel, so schmerzvoll freilich auch waren die Augen des Angeredeten auf uns gerichtet […] Er sprach kein Wort.“ (17) Bemerkenswert ist, dass er auch über Menschen, die ihm zuwider sind, bei denen Mitgefühl und Menschlichkeit fast vollständig verschüttet scheinen, nachdenkt und sich fragt, was er und die Militärseelsorge für diese Menschen macht bzw. zu machen verabsäumt. (21)
Als er nach der Vollstreckung der Todesstrafe vom Kriegsgerichtsrat für sein einfühlsames Vorgehen in der Sache gelobt wird (69), wird die Funktionalisierung seiner Tätigkeit für den reibungslosen Ablauf der Hinrichtung deutlich. Er merkt seinem Gesprächspartner gegenüber zwar an, dass sich kein Wohlgefühl einstelle und auch nicht einstellen solle und lehnt das gemeinsame Schnapstrinken ab, kann im Grunde aber nicht viel erwidern. (70f) Seine Rolle wird er weiterhin einnehmen. Als er mit dem Horstkommandanten von Winniza, einem feinen Menschen, mit dem er die Liebe zur Musik und den Hass auf Hitler teilt, zu seiner Einheit zurückfliegt, spürt er eine seltsame Hochstimmung. „Es war eine Art Jubel, ein seltsam zorniger Jubel. Und als der Pilot wenig später von neuem in die Wolkenzone hinabstieg und ein Regenschauer mir entgegenkam wie Peitschenhieb und Nadelstich, da dachte ich nicht daran, das Glasgehäuse zu schließen. Ich war einverstanden mit allem, auch mit dem wilden Aufruhr der Lüfte.“ (79)
Albert Goes war selbst im Zweiten Weltkrieg eingesetzt: zunächst als Funker in Rumänien, ab 1942 als evangelischer Militärpfarrer. Nach dem Krieg nahm er seine Tätigkeit als Zivilpfarrer wieder auf, bis er sich ab 1953 ganz dem Schreiben widmete. Die Novelle „Unruhige Nacht“ wurde 1955 von Franz Peter Wirth verfilmt.

Albrecht Goes: Unruhige Nacht, Hamburg 1950, 79 Seiten

Buchnummer MBBA: 12.203

Link zum Medium im OPAC

MBBA