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Militärseelsorge in der Literatur: „Slaughterhouse-Five“

Slaughterhouse 5 Slaughterhouse 5

Wer bei Slaughterhouse-Five an einen billigen Horrorschocker denkt, könnte weiter daneben nicht liegen, obwohl das Buch vom, wie der Erzähler es ausdrückt, größten Massaker der europäischen Geschichte (73) handelt, von der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg. Schlachthaus 5 hieß das Gebäude, in dem die amerikanischen Kriegsgefangenen untergebracht wurden, von denen das Buch erzählt, und das ihnen ironischer Weise gerade nicht zum „Schlachthaus“, weil sie in der Fleischkammer überleben konnten, während um sie herum praktisch alles zerstört wurde.

Diese Einschätzung als größtes Massaker der europäischen Geschichte hängt auch damit zusammen, dass im Roman wie auch von zahlreichen Historikern damals von einer viel zu hohen Opferzahl ausgegangen wird. Dass 135 000 Menschen beim Angriff auf Dresden getötet wurden, wie ein Mitpatient der Hauptfigur im Vorwort eines Buches des damals durchaus noch renommierten Historikers David Irving liest (136f.), ist nicht belegbar. Heute geht man von maximal 25 000 aus.

Die eigentliche Schilderung der Ereignisse während und kurz nach den Luftangriffen nimmt freilich nur wenige Seiten in dem ohnehin kurzen Roman ein. So erzählt im ersten Kapitel der Ich-Erzähler, ein US-Veteran des Zweiten Weltkriegs, recht umständlich von seinen Vorbereitungen auf eine Reise nach Dresden mit einem ehemaligen Kameraden und seinen bislang erfolglosen Versuchen, ein Buch über die Luftangriffe zu schreiben, die die beiden als Kriegsgefangene überlebt haben – wie übrigens auch der Autor selbst.

Weitaus mehr Raum als den Luftangriffen und ihren Folgen wird den tragisch-komisch-absurden Erlebnissen der Hauptfigur des Buches im Buch, Billy Pilgrims, nach seiner Ankunft im Europa des Zweiten Weltkriegs gewidmet, seinen Zeitreisen in die Verhangenheit und Zukunft seines eigenen Lebens sowie seiner Verschleppung in einer fliegenden Untertasse auf den Planeten Tralfamadorian.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass die Ereignisse mit beißendem Witz, aber zugleich so abgründig geschildert werden, dass sie eine seltsame Leere, Traurigkeit und manchmal Verzweiflung an vielen Stellen durchscheinen lassen. So kann man etwa die Zeitreisen Pilgrims auch als unkontrollierbaren Ausdruck seiner inneren Destabilisierung in Folge der Traumatisierung durch die Kriegsereignisse verstehen. Zu dieser Zeit, in einem besonders kritischen Moment, kommt es auch zur ersten Zeitreise: „Billy says that he first came unstuck in time in 1944 … while World War Two was in progress“ (22). Auch alle anderen Science-fiction-Elemente werden sorgfältig mit Billy’s „normaler“ Biographie verknüpft: Inhaltlich scheinen viele dieser Elemente aus dem geistigen Universum Kilmore Trouts zu stammen, eines erfolglosen SF-Autors, dessen Bücher Pilgrim während des Aufenthalts in einer Klinik wegen psychischer Probleme über seinen Zimmergenossen kennen und lieben lernt (72f.), bevor er mit der Person des Schriftstellers selbst zufällig Bekanntschaft schließt. (121ff.) Seine schöne erotische Mitgefangene im Zoo auf Tralfamadore taucht auf einem Magazincover einer schmuddeligen Buchhandlung am Ende des Romans auf; (149) Im richtigen Leben auf der Erde hat er einen feuchten Traum, in dem sie vorkommt. (97) Von der Entführung durch Außerirdische beginnt er erst nach einem Flugzeugabsturz zu erzählen, bei dem er eine Schädelverletzung davonträgt.

Nach jeder Erwähnung von Toten oder des Todes oder der Vernichtung in irgendeiner Form setzt Vonnegut den Satz „So it goes“ wie einen Refrain. Er kommt teils als Parodie auf die Verharmlosung gewaltsamen Todes daher, teils als stilistisches Mittel, um einen Themenwechsel anzuzeigen, teils aber auch als Hervorhebung der Endgültigkeit bzw. oft Willkürlichkeit des Todes und der Vernichtung.

Noch deutlicher wird eine grundsätzliche Kritik an Kriegen und militärischen Einsätzen im Zusammenhang der Thematik des Kinderkreuzzugs formuliert, die sich auch im Romantitel findet: Die Frau seines Kriegskameraden, eine Mutter, kritisiert die Idealisierung des Krieges in Filmen mit alten Männern wie Frank Sinatra oder John Wayne, die Krieg als etwas Wunderbares erscheinen lässt. So werde es noch mehr davon geben. Tatsächlich aber würden diese Kriege von Babies geführt. Der Icherzähler verspricht ihr daraufhin, in seinem Buch über Dresden werde es keine Rollen für Frank Sinatra oder John Wayne geben, er werde es „The Children’s Crusade“ nennen. (11)

Weitere Kennzeichen des Romans sind das Spiel mit der Fiktionalität des Textes bzw. der Erzählposition und der philosophisch-mystische Einschlag, der vor allem in den Passagen über Zeit und Erinnerung deutlich hervortritt.
Schon bei seiner ersten Zeitreise gleitet Billy Pilgrim den ganzen Bogen seines zukünftigen Lebens entlang bis zu seinem Tod, wo nichts ist außer violettes Licht und Summen, und dann wieder zurück zum Zustand vor seiner Geburt, der rotes Licht war und blubbernde Geräusche. (31) Pilgrim kennt somit den Zeitpunkt seines (gewaltsamen) Todes, der durch dieses Wissen eine irgendwie dauerhafte Form bekommt und den er auf für die Nachwelt auf Kassette festhält: „I, Billy Pilgrim, the tape begins, will die, have died, and always will die on February thirteenth, 1976.“ (103). Als er stirbt, hält er gerade eine Rede, in der er seinen nahen Tod ankündigt. Er fordert die Menge auf, darüber zu lachen wie er, Tod sei nichts Schreckliches. Dann stirbt er: „So Billy experiences death for a while.“ (104) Das Motiv der Transzendenz zeitlicher Folge korrespondiert mit einer besonderen Eigenart der Lebewesen vom Planeten Tralfamadorian, die alle Dinge in der vierten Dimension erkennen können, die alles, was ist und war und sein wird, nicht nacheinander erleben und erkennen, sondern zugleich: „The creatures can see where each star has been and where it is going, so that the heavens are filled with rarefied, luminous spaghetti.“ (63) Selbst das von ihnen selbst verursachte Ende des Universums können sie in dieser Gleichzeitigkeit erkennen. (84) Sie können zugleich tot sein und essen (23). Pilgrim erinnert das an die Teilnehmer einer militärischen Übung vor der Entsendung nach Europa: „They were all theoretically dead now. The theoretical corpses laughed and ate at the same time.“ (23)

Slaughterhouse-Five ist übrigens eines der sehr raren belletristischen Bücher über einen Mitarbeiter der Militärseelsorge. Allerdings kommt Billy Pilgrim bei seinem Einsatz in Europa gar nicht dazu, die Funktion eines Chaplain’s Assistant“ auszuüben: Er bekommt seinen Chaplain nie zu Gesicht, weil seine Einheit gerade aufgerieben wird, als er auf dem Kriegsschauplatz eintrifft (23). Die Charakterisierung dieser Funktion beschränkt sich mithin auf einen Absatz und liest sich wenig schmeichelhaft:
„A chaplain’s assistant is customarily a figure of fun in the American Army. Billy was no exception. He was powerless to harm the enemy or to help his friends. In fact, he had no friends. He was a valet to a preacher, expected no promotions or medals, bore no arms, and had a meek faith in a loving Jesus which most soldiers found putrid.” (22)

Kurt Vonnegut, Slaughterhouse-Five or The Children’s Crusade. A Duty-Dance with Death, London 2000, 157 Seiten, Sprache: englisch

Buchnummer MBBA: 13.042

Link zum Medium im OPAC

MBBA