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Geschichte der Militärseelsorge: „Mission at Nuremberg“

Mission at Nuremberg Mission at Nuremberg

Mit einem sehr ungewöhnlichen Auftrag wird ein Militärseelsorger der US Army, Henry F. Gerecke, im November 1945 nach Nürnberg beordert: Er soll die dort angeklagten prominenten NS-Kriegsverbrecher betreuen. Diesen Auftrag und Gereckes biographischen Hintergrund beleuchtet der mehrfach preisgekrönte Religionsjournalist Tim Townsend in seinem 2014 bei William Morrow erschienen Buch „Mission at Nuremberg“.

Ausgewählt wurde Gerecke, weil er aus einer zweisprachigen Familie stammte (deutsch/englisch), Lutheraner war wie der Großteil der Angeklagten und als ehemaliger Leiter der Stadtmission in St. Louis Erfahrungen aus der Gefängnisseelsorge mitbrachte. Gerecke hätte nach Townsends Recherchen den unpopulären Auftrag problemlos ablehnen, sich in die Reserve versetzen lassen und nach Hause zurückkehren können, akzeptierte aber die Herausforderung und trat seinen Dienst in Nürnberg am 12. November an, gemeinsam mit dem Priester Sixtus O’Connor, der für die 6 katholischen Häftlinge zuständig sein sollte.

Gerecke war sich durchaus bewusst, wie gravierend die Vergehen waren, die den Angeklagten zur Last gelegt wurden: Während seiner Stationierung in München hatte er das ehemalige Konzentrationslager Dachau mehrmals besucht. Wie früher als Seelsorger in St. Luis sah er seine Aufgabe aber vor allem im gemeinsamen Gebet, in christlicher Mission, in einer möglichst vorurteilsfreien Zuwendung zu den Menschen, für die er als Seelsorger verantwortlich war. Das letzte Urteil über einen Menschen stehe nur Gott zu. Sein einfaches und bescheidenes Auftreten hat die Angeklagten zunächst offenbar wenig beeindruckt, bald aber brachten sie ihm ein großes Maß an Respekt und Achtung entgegen: Als im Juni 1946 das Gerücht aufkam, dass er auf Bitten seiner Frau Alma vorzeitig in die USA zurückkehren würde, unterzeichneten alle 21 Angeklagten einen Brief, in dem sie Alma baten, dass ihr Mann bis zum Ende des Prozesses bei ihnen bleiben möge. Gerecke begleitete nach dem Ende des Prozesses noch die zum Tod Verurteilten zur Hinrichtung. November 1946 kehrte er in die USA zurück, war zuerst bis 1950 Gefängnisseelsorger der Army in Milwaukee und dann bis zu seinem Tod 1961 ziviler Pfarr- und Gefängnisseelsorger in Chester (Illinois).
Anders als O‘Connor hat Gerecke in zahlreichen Publikationen über seine Zeit in Nürnberg berichtet. Unter anderem auf dieser Grundlage hatte schon 1984 Frederick T. Grossmith das Buch „The Cross and the Swastika“ veröffentlicht.

Tim Townsend: Mission at Nuremberg. An Allied Army Chaplain and the Trial of the Nazis, New York 2015, 388 Seiten, Sprache: englisch

Buchnummer MBBA: 13.185

Link zum Medium im OPAC

MBBA